Montag, 5. Mai 2008

Wie eine Auslese Benachteiligte benachteiligen kann......

Bildquelle Pixelio: (c) Jerzzy
und dennoch eine "Empfehlung" daraus gebastelt wird: In der "Zeit" wird mit der Überschrift "Ihr könnt das auch!" über eine Bostoner Schulinitiative berichtet, welche besonders benachteiligten, begabten Schülern eine Highschool-Karriere ermöglichen soll:

"Wie die Beacon Academy in Boston Schüler aus benachteiligten Familien fit für gute Highschools macht." lautet der Untertitel:

Bitte, ich möchte ein Jahr länger in die Schule gehen«, ist kein gängiges Mantra unter Schülern. Ganz anders aber in Boston: Gute Schüler öffentlicher Schulen in eher schwierigen Bezirken legen nach der achten Klasse ein Extrajahr ein, um fit für wirklich leistungsstarke Oberschulen zu werden. Keine Ehrenrunde also, sondern eine 14-monatige Herausforderung. Die Beacon Academy in Boston wurde vor drei Jahren gegründet von Menschen, die begabten Kindern aus schlechten Vierteln – meist Angehörigen einer Minderheit – die Chance geben wollten, mehr aus ihrem Leben zu machen.
So hoffnungsfroh wie in der anfänglichen Schilderung, geht die Geschichte leider nicht weiter.

Der Hasenfuss:(Zitat weiter aus: Ihr könnt das auch!):
Um überhaupt einen der 20 Plätze der Academy zu ergattern, müssen die 13- und 14-jährigen Schüler eine 16 Seiten lange Bewerbung einschicken, sie brauchen erstklassige Zensuren (selbst wenn die aus drittklassigen Schulen stammen) und Empfehlungen von Lehrern und anderen Erwachsenen. Die Schüler müssen Ehrgeiz mitbringen, sie brauchen mindestens einen Erwachsenen, der sie bei ihrem Bildungsvorhaben vorbehaltlos unterstützt, und sie müssen bereit sein, in den 14 Monaten härter zu arbeiten als je zuvor – damit sie in den leistungsstarken Highschools, in die sie streben, nicht gleich wieder aussortiert werden.
Der Haken an der Geschichte ist also, dass nur solche Schüler gefördert werden, welche bereits durch ausgezeichnete Schulleistungen aufgefallen sind. Ein Tropfen auf den heißen Stein?

Ich meine ja, denn die Benachteiligung beginnt ja sehr viel früher. Oft fehlt die Förderung im Elternhaus, weswegen bereits in der Vorschulzeit Defizite auch bei gut begabten Kindern entstehen. Und in der Grundschulzeit verlieren gerade gut begabte Kinder - aus Langeweile oder wegen unzureichender Förderung - das Interesse und die Freude am schulischen Lernen.

FAZIT: Das Bostoner Modell trifft eine Auslese aus der Gruppe der Benachteiligten und ist daher m. E. nicht unbedingt ein Modell, welches auf unser Bildungswesen übertragen werden sollte. Viel besser wäre, das Augenmerk frühzeitig auf die gesamte Gruppe der benachteiligten Kinder zu richten.

Siehe auch meine Beiträge zu den Themen Intelligenz und Hochbegabung:

Hochbegabung aus neurowissenschaftlicher Sicht:
Hirnforschung und das Konzept der Hochbegabung - Drei Hirnforscher und zwei "Ansichten"

Hochbegabung aus pädagogisch-psychologischer Sicht:
Was ist Hochbegabung? Hochbegabung ist das, was Wissenschaftler definieren....

Meinungen braucht man nicht zu begründen....oder doch?

Bildquelle Pixelio:(c) Winternitz
Mit dem reißerischen Titel "Sitzen geblieben" hat die "Zeit" ein Interview mit Prof. Dr. Manfred Prenzel veröffentlicht:

Zu viele Gymnasien bleiben unter ihren Möglichkeiten. Sie haben sich der veränderten Realität nicht angepasst, sagt der Pädagoge Manfred Prenzel

DIE ZEIT: Das Gymnasium ist hierzulande die beliebteste Schulform. Trotzdem schneiden Gymnasien bei Wettbewerben wie dem Deutschen Schulpreis regelmäßig schwach ab. Woran liegt das?

Manfred Prenzel: Das Leistungsniveau vieler Gymnasien ist sehr hoch, bei Schülerolympiaden oder Jugend forscht kommen die meisten Sieger von Gymnasien. Bei anderen Merkmalen, die eine gute Schule ausmachen, können Gesamt-, Haupt- oder Grundschulen oft mehr vorweisen.

ZEIT: Welche Qualitäten sind das?

Prenzel: Das beginnt mit dem Unterricht, der im Gymnasium häufig noch stark auf den Lehrer zugeschnitten ist. Andere Unterrichtsformen, die stärker die Schüler aktivieren und das selbstständige Lernen anregen, kommen dagegen wenig zum Einsatz. Auch das Schulmanagement, die Zusammenarbeit der Lehrer oder das Schulleben sind an vielen Gymnasien nicht unbedingt preiswürdig.

ausführlich: Sitzen geblieben

Ich frage mich, was ein solches Interview bezwecken soll. Ein schlichter "Bericht" einer Meinung eines Wissenschaftlers, eine ganz persönliche Meinung?
Prof. Dr. Manfred Prenzel ist sicher ein sympathischer Gesprächspartner und seine Meinung liest sich.....hmm....äh.....vielleicht wie ein Plädoyer für die Gesamtschule und die Abschaffung des Gymasiums? Oder vielleicht möchte er darauf hinweisen, dass sich der Unterricht in Gymnasien verbessern sollte?

So ganz genau weiß man das nicht. Er nennt keine Studie, auch nicht die eigenen Studien, keine Belege für seine Annahmen, so dass ich verwirrt zurück bleibe.
Bildquelle Pixelio: (c) schemmi
Ist die Frage nach der Schulform und Schulbildung jetzt eine Frage einer Meinung, oder eine Frage nach den Fakten?

Ich hätte etliche Fragen, welche ich gerne Herrn Prof. Prenzel gestellt hätte:
  • 1. Was versteht man unter "gutem" Unterricht?
  • 2. Worin unterscheidet sich der Unterricht, welcher an Gymnasien und an anderen Schulen gehalten wird?
  • 3. Welche empirischen Belege gibt es dafür?
  • 4. Gibt es den Gymnasiallehrer und die anderen Lehrer, welche sich in ihren Unterrichtsmethoden unterscheiden?
  • 5. Wurden Gymnasiallehrer anders ausgebildet, als andere Lehrer?
  • 6. Welche Gründe führen zu einer vermeintlichen schlechteren Förderung der Schüler auf den Gymnasien?
  • 7. etc. etc.......

Fragen, auf die das Zeit Interview mit Prof. Dr. Prenzel leider die Antworten schuldig bleibt....Ein überflüssiges Interview?

FRAGEN......FRAGEN......FRAGEN......FRAGEN......FRAGEN......FRAGEN......FRAGEN......FRAGEN


Freitag, 2. Mai 2008

Wenn simple Korrelationen zu simplen Schlussfolgerungen führen....

...werden Kleinkinder in Spielgruppen untergebracht, auch wenn keine wissenschaftlich empirischen Belege für den Nutzen einer Kleinkindfremdbetreuung sprechen?

Peter Artmann, Diplom Biologe und Journalist im Gesundheitsbereich (http://www.artscience.de/), Blogger vom Medlog bei den Scienceblogs, hat die Empfehlung des BBC-Senders aufgegriffen und die Frage der Kleinkindunterbringung angesprochen: Kleinkinder in Spielgruppen senken ...
und damit wieder die Frage zum Nutzen und der Notwendigkeit eines Krippenbesuches aufgeworfen.

Wie bereits in den Blogbeiträgen:
besprochen, ist der Nutzen einer Fremdunterbringung bei Betrachtung mehrerer Faktoren - keinesfalls empirisch wissenschaftlich belegt. Meines Erachtens sprechen auch medizinische Gründe nicht für eine frühzeitige Krippenversorgung. Denn die Stärkung des Immunsystems lässt sich z.B. auch über einen Hund als Haustier lösen. (siehe: Ein Hund als Haustier schützt vor Allergien....)

Weiter gibt es noch viele offene Fragen, wie:
  • Welche Ursachenfaktoren führen zu Leukämieerkrankungen?
  • Sind die gefundenen Korrelationen durch Zufall erklärbar?
  • Seit wann existiert die Korrelation zwischen Leukämiefällen und Krippenbesuch?
  • Wie haben sich in der ehemaligen DDR, welche vor der Vereinigung geringe Allergikerzahlen verzeichnen konnte, die Leukämieerkrankungen entwickelt?
  • Wie lässt sich das Immunsystem anderweitig stärken?
  • Gibt es ähnliche Effekte, wenn Kinder mit Geschwisterkindern aufwachsen?
  • Reichen regelmässige Kontakte mit anderen Kindern, welche nicht über einen Krippenbesuch stattfinden?
So kann man an dieser Stelle Eltern nur den Rat geben, sich durch solche BBC-Ad-hoc-Nachrichten nicht unter Druck setzen zu lassen und das Für und Wider bzw. die tägliche Zeitdauer eines Krippenbesuches sorgfältig an ihren und den Interessen ihres Kindes/ihrer Kinder abzuwägen. Denn jedes Kind ist anders, jede familiäre Situation hat andere Erfordernisse und Bedürfnisse, so dass nicht generelle, sondern individuelle Lösungen gesucht werden sollten.

Familien, welche - aufgrund ihrer finanziellen Möglichkeiten - ihren Kindern einen Krippenbesuch gar nicht ermöglichen können, brauchen sich über nachteilige Wirkungen auf ihre Kinder keine Gedanken machen ;-)

Weiterführende Informationen zu bereits in der Vergangenheit aufgestellten irreführenden "Korrelationsbeziehungen" bei anderen Erkrankungen:
Die Autismus-Ente

Masernimpfung, Fernsehen, Internet: Es gibt kaum eine Innovation des 20. Jahrhunderts, die nicht zu Autismus führen soll. Eine neue Studie untermauert jetzt die These, dass die Zunahme des Autismus eine scheinbare ist. Und ein neuer Taschen-PC hilft denen, die wirklich darunter leiden.

Mit medizinischen Statistiken zur Häufigkeit von Erkrankungen ist es immer so eine Sache. Sie werden meist von Organisation erhoben und publiziert, die ein gewisses Interesse daran haben, "ihre" Erkrankungen im Gespräch zu halten - mit der Konsequenz, dass es kaum Erkrankungen zu geben scheint, deren Häufigkeit nicht entweder dramatisch zunimmt oder auf selbstverständlich hohem Level stabil ist.
weiter hier: Autismus-Epidemie und die Suche nach dem Schuldigen

Mittwoch, 30. April 2008

Auch Tiere drücken die Schulbank und werden von den Älteren "instruiert"

Bildquelle Pixelio: (c) guedo
Antje Findeklee- spektrumdirekt v. 30.04.2008
Erdmännchen machen Lehraufwand von eigenen Kosten abhängig
Jüngere in die Schule zu schicken, galt lange als rein menschliche Errungenschaft. Längst aber wissen wir, dass auch andere Spezies dem Nachwuchs gezielt praktische Methoden beibringen. Während bei uns aber der Staat die Kundigen dafür bezahlt, sieht die Kosten-Nutzen-Rechnung in freier Wildbahn anders aus - und dementsprechend auch das Engagement der Lehrenden.

weiter bei spektrumdirekt: Bildung fast zum Nulltarif

Katja Seefeldt - heise-online v. 19.07.2006:
Lernen in der Erdmännchenschule
Erdmännchen zeigen dem Nachwuchs geduldig, wie er mit lebender Nahrung umzugehen hat Erdmännchen sind gesellige Tiere, die in Kolonien leben. Alle Mitglieder beteiligen sich an den sozialen Aufgaben und der Nachwuchsbetreuung, egal, ob verwandt oder nicht. Wie Zoologen in der aktuellen Ausgabe von Science (Vol. 313 vom 14. Juli 2006) herausgefunden haben, betätigen sie sich dabei auch als geduldige Lehrer, die dem Nachwuchs beibringen, wie er auch mit hochgefährlicher Beute umzugehen hat. Ihren "Lehrplan" richten sie dabei am Entwicklungsstand des Schützlings aus.

weiter bei heise-online:
Lernen in der Erdmännchenschule

Wie funktioniert das Lernen am Modell? Ausführliche Informationen dazu bei porträt [werner.stangl]s arbeitsblätter
Lernen am Modell - Albert Bandura
Lernen am Modell - Albert Bandura Neben dem Begriff "Lernen am Modell" oder "Modelllernen" findet man die Bezeichnungen "Nachahmungs-" und "Imitationslernen", "Vorbildlernen", "Beobachtungslernen", "stellvertretendes Lernen" oder "no trial learning". Bandura selbst hielt solche Differenzierungen für unnötig.
weiter hier:
Lernen am Modell - Albert Bandura

Erdmännchen Tierportrait mit schönen Fotos

Kein Sport in der Grundschule, weil es keine Turnhalle gibt.....

Bildquelle Photocase: (c) Bratscher
Die beiden Sportlehrer sind an unserer kleinen Grundschule gleichzeitig auch Klassenlehrer. Klassenlehrer tragen besondere Verantwortung und müssen ihre Aufsichtspflicht in gesetzlichem Umfang erfüllen können. An Sportlehrer werden zusätzliche Anforderungen gestellt, denn sie haben aufgrund der besonderen Raumwechselsituationen (Gang zur Turnhalle mit der Klasse), mögliche Streitigkeiten und Auseinandersetzungen im Vorraum, während sich die Kinder umziehen und dann noch den vielen Verletzungsmöglichkeiten während des Sports, sowie der Gang zurück in das Klassenzimmer, erhöhte Belastungen. Oft müssen aus schulorganisatorischen Gründen noch Klassen für den Sportunterricht zusammen gezogen werden, so dass neben dem Unterricht Sportlehrer besonders gestresst werden.

Klassenlehrer haben dazu die gesteigerte Verantwortung für ihre eigene Klasse. Wenn nun die verantwortliche Kommune nicht rechtzeitig für eine neue Turnhalle sorgt, nachdem die alte geschlossen werden musste, entstehen für eine betroffene Schule besondere Probleme.

Die Gemeindeverwaltung übersieht die o.g. Belastungen und schlägt nun vor, dass die Schüler mit dem Bus in andere Teilorte zum Sportunterricht fahren. Das heißt wie oben schon erwähnt, für die Lehrer ein besonderer Aufwand. Damit noch ausreichend Zeit für den Sport bleibt, muss vorzeitig der Fachunterricht beendet werden, die Schüler alle zeitgenau versammelt und in den Bus "verfrachtet" werden. Um die Rückfahrt rechtzeitig antreten zu können, muss der Sportunterricht wiederum verfrüht beendet werden.

Das alles bedeutet für die Lehrkräfte zusätzlichen Stress und keine Möglichkeit einer kurzen "Erholungspause" während des Unterrichtstages.....
Wie die Kommune und Schule dieses Problem lösen wird, ist im Moment nicht bekannt....

Mindestens bis zum Februar 2009 wird dieser Zustand anhalten...........

Und wieder stellt sich die Frage, warum so wenig für die Schule und Schüler getan wird. Knappe Lehrerbesetzungen, große Schülerzahlen, zu dicke Kinder, der Schrei nach verstärktem Sportunterricht und dann scheitert es an einer Turnhalle.......

Quelle: Haller Kreisblatt, Lokales Halle, Thema (30.04.2008): "Planung für neue Turnhallen vergeben - Gestern hitzige Debatte im Schulausschuss"

Unselbständige "selbständige" Schulen - wie Schulerlasse pädagogisches Handeln verhindern (NRW)

Bildquelle Pixelio: (c) Gerd Altmann
Was passiert, wenn das Schulamt feststellt, dass nach Einstellung eines Seiteneinsteigers für ein halbes Schuljahr eine Schule einen "Lehrerüberhang" hat?
  • 1. Das Schulamt versucht die neu eingestellt Kraft widerrechtlich zu zwingen, für ein halbes Jahr zunächst an einer anderen Schule zu unterrichten.
Was passiert, wenn diese Lehrkraft gemäß geltendem Recht dieses Ansinnen ablehnt? Ja, richtig, Sie wird vom Schulamtsdirektor massiv unter Druck gesetzt und bei jeder nächsten, sich bietenden Möglichkeit wird dieser Lehrkraft von Seiten des Schulamtes das Leben schwer gemacht - unabhängig davon, ob sie gut oder schlecht ist...
In diesem Falle hat die angehende Lehrkraft mutig das Ansinnen des Schulamtsdirektors abgelehnt.... Also
  • 2. Das Schulamt macht einen "Deal" mit einer Lehrkraft mitten im Schuljahr (Klassenlehrer einer 6. Hauptschulklasse), welche aus privaten Gründen in ein anderes Bundesland ziehen möchte und versetzt diese für ein halbes Jahr mitten im Schuljahr ! an eine andere Schule. Danach darf diese Lehrkraft in den Schuldienst des anderen Bundeslandes wechseln.
Die Folge:
Eine 6. Klasse steht von heute auf morgen ohne Klassenlehrer da, welcher dort den Hauptteil des Unterrichts bestritten hat! Fachunterricht in Physik entfällt für einige Klassen, ebenfalls der Hauswirtschaftsunterricht. Denn die neue Lehrkraft arbeitet mit verringerter Stundenzahl.....
Die 6. Klasse reagiert sehr emotional und lehnt zunächst die neue Lehrkraft, welche für die Fehlplanung des Schulamtes ja gar nichts kann, zunächst ab.
Es treten die üblichen Umstellungsschwierigkeiten auf. Der neuen Lehrkraft wird von vornherein umfangreicher fachfremder Unterricht zugemutet, eine Maßnahme, welche die Unterrichtsqualität nicht verbessert ;-) Bildquelle Pixelio: (c) Regina Kaute

Hier wurde zu Lasten der Schüler und der Schule, sowie der Unterrichtsqualität gehandelt und gespart. Das war vor 6 Jahren. Damals "gestaltete" eine SPD regierte Landesregierung die Bildungspolitik.

Der CDU-Wahlkampf war dementsprechend gespickt mit Vorwürfen gegen die SPD-Schulpolitik:
  • zu große Klassen
  • zu wenige Lehrer
  • zu wenig Unterrichtsqualität
  • zu wenig Förderunterricht
  • zu wenig Förderung für Migrationskinder
  • etc. etc.
Die CDU trat mit dem Versprechen an, das alles ändern zu wollen und die Menschen im NRW-Lande gaben den Politikern Recht - sie wurden gewählt und es gab

  • zu große Klassen
  • zu wenige Lehrer
  • zu wenig Unterrichtsqualität
  • zu wenig Förderunterricht
  • zu wenig Förderung für Migrationskinder
  • etc. etc.
Liebe Leser, das ist die Realität und keine erfundene Geschichte!
Und wie sieht es heute aus? Unverändert, nur mit anderem politischen Vorzeichen! Heute tituliert unsere Tageszeitung "Haller Kreisblatt" im Lokalteil von Werther:
  • Ein Schüler ist das Zünglein an der Waage
Im ostwestfälischen Werther werden 31 Schüler eingeschult. Es gibt eine Klasse mit 15 Schüler und eine mit 16 Schüler, bei gleichbleibender Lehrerzahl. Das bedeutet: auch wenn die Schule für diese Lösung eine Lehrkraft mehr benötigt, wird diese von der Landesregierung nicht zur Verfügung gestellt!

Das heißt der "neue Schulerlass (04/2008!)", wonach zwei Klassen gebildet werden dürfen, wenn die Schülerzahl in den ersten beiden Klassen die Zahl 30 überschreitet, steht quasi nur auf dem Papier. Denn angesichts fehlender Lehrkräfte lässt sich das nur schwer umsetzen. Die Lehrerzahl richtet sich nicht - wie es sein müsste - nach dem vorhandenen Stundenbedarf, welcher natürlich doppelt so hoch ist, wenn aus einer Klasse zwei gebildet werden.....

Die Eltern wünschen sich verständlicherweise zwei Klassen und die Schule weiß kaum, wie sie dieses Problem lösen kann. Denn, sobald ein Schüler aus irgendwelchen Gründen die Schule verlässt, ist die Schulleitung gezwungen aus diesen zwei Klassen sofort wieder eine Klasse mit 30 Schülern bilden zu müssen.

Was machen wir uns Gedanken, wenn einerseits viel Geld - von der NRW-Landesregierung - für teure Lehr-und Lernforschung etc. ausgegeben wird....
und dann nicht einmal pädagogische Mindeststandards umgesetzt werden können, weil die Klassen zu groß, die Lehrer überlastet sind und den Schulen per Erlass keine "pädagogischen" Handlungsmöglichkeiten erlaubt werden.....

Wozu brauchen Lehramtsstudierende "pädagogisches" Wissen, wenn sie dieses in ihrem Unterrichtsalltag gar nicht umsetzen können?
Man muss sich fragen, wieviel Investitionen ist uns unsere Zukunft wert?
Wozu werden teure und aufwendige Evaluationen und Studien gemacht, gemessen, was das Zeug hält, wenn die Unterrichtsbedingungen sich immer weiter verschlechtern?

Liebe Lehrer, Sie baden diese Politik aus...., Ihnen macht man Vorwürfe........, wenn unter solchen Umständen Ihr Unterricht nicht erfolgreich ist. Klären Sie die Bevölkerung über diese "unvernünftige" Politik auf, damit die BürgerInnen wissen, wer dieses Bildungschaos verantwortet....

Samstag, 26. April 2008

Element-Studie wird zum Politikum - Wie eine Studie Sachverhalte "belegt", welche sie nicht untersucht hat...

Bildquelle Pixelio: (c) Rainer Sturm
Was ist passiert? Herr Prof. Dr.Dr.Dr.h.c. Rainer Lehmann hat der "Zeit" ein Interview zu seiner Element-Studie gegeben. In dieser Studie werden die Schulleistungen zwischen "Grundschülern" und Gymnasiasten der 5. und 6. Klasse verglichen. Gemessen wurde mit den Tests der PISA-Studien in den Fächern Deutsch und Mathematik.

Die unterschiedlichen Interpretationen der Studie haben eine heftige Debatte ausgelöst:

Angefangen hat die Debatte mit der Darstellung des Studienautors Prof. Dr.Dr.Dr.h.c. Rainer Lehmann (Kurzbiographie)
DIE ZEIT 17/2008: Gemeinsam lernen Headlines:
Zwei Jahre hinterher
Die sechsjährige Grundschule in Berlin schneidet in einer neuen Studie enttäuschend ab. Ein Gespräch über die Ursachen mit dem Bildungsforscher Rainer Lehmann
Kurz darauf wurde der von Gegnern vorgeworfene "Interpretationsfehler" in einem neuen Beitrag in der " Zeit" geschildert, nachdem Prof. Dr. Olaf Köhler (Fachrichtung Psychologie und in der empirischen Bildungsforschung tätig) die Studie gelesen hat. Die "Zeit" berichtet in "Unglücksfall und Chance" darüber: (Zitat)
Aber der von Olaf Köller und anderen beklagte Unglücksfall könnte auch zu etwas gut sein. Die Öffentlichkeit und die Zunft müssen endlich kapieren, dass solche Studien, wie Jürgen Baumert, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und Doyen der empirischen Bildungsforschung immer wieder betont, nicht einfach etwas beweisen, sondern die Daten für begründete Interpretationen liefern. (Zitat Ende)
Weitere Internetquellen zum Thema:
Artikel, welche die Interpretation von Prof. Lehmann nicht teilen

Stellungnahme von Thomas Kerstan, Martin Spiewak und Jan-Martin Wiarda in DIE ZEIT, 24.04.2008 Nr. 18 Verwirrende Befunde - Aufregung um die Untersuchung zur sechsjährigen Grundschule in Berlin: Hat der Autor der Studie seine eigenen Daten falsch interpretiert?

Artikel, welche die Interpretation von Prof. Lehmann teilen:
Der deutsche Philologenverband und "Die Welt", schließt sich der Interpretation von Prof. Dr.Dr.Dr.H.c. Rainer Lehmann an:

Soviel zum augenblicklichen Stand der Diskussion in den Medien.......


Die Instrumentalisierung der Studie - Hintergründe
Zunächst zeigt sich an den Medienberichten, wie eine solche Studie "instrumentalisiert" wird bzw. werden kann. Kaum jemand scheint sich die Mühe zu machen, die Studie selbst zu lesen. Und kaum jemand scheint sich darum zu kümmern, wie die Studie aufgebaut war, um daraus eigene Schlüsse ziehen zu können. Und so dient eine Studie, je nachdem aus welcher bildungspolitischen Richtung die Anhänger stammen, völlig gegensätzlichen Interpretationen. ....

Was hat die Studie gemessen?
Die kleinere Schülergruppe, welche gemessen wurde, war ab der 5. Klasse in Berliner Gymnasien gewechselt. Es versteht sich von selbst, dass diese Schüler eine entsprechende Eignung (Schulleistungen / Intelligenz) besitzen mussten, um überhaupt das Gymnasium besuchen zu können.

Die größere Schülergruppe, welche gemessen wurde, waren Schüler (bis auf jene, welche vorzeitig ins Gymnasium gewechselt waren), welche auch im 5. und 6. Schuljahr in der Grundschule verblieben waren.

Die Korrelationsstudie hat die Leistungen im Bereich Leseverständnis und Mathematik der beiden Schülergruppen jeweils nach dem 5. und 6. Schuljahr miteinander verglichen.

Normalerweise würde man also erwarten, dass jene Schüler, welche für den Besuch des Gymnasiums "ausgelesen" worden waren, in einer solchen Studie deutlich besser abschneiden müssten, als jene Schülergruppen, welche sich aus den ganz schlechten, den normal begabten Schülern und besser begabten Schülern zusammen setzt.

Richtig gedacht, denn so war es auch. Beide Gruppen haben sich im "Verhältnis" gleich gut weiter entwickelt. Natürlich haben die Grundschulklassen im Schnitt durchgehend schlechter abgeschnitten. Allerdings waren die Lernfortschritte in beiden Gruppen gleich.

Und nun kommt die ideologisch gefärbte Bildungspolitik ins Spiel:

Der Philologenverband sieht die Existenzberechtigung der Gymnasien gefährdet. Deshalb favorisieren sie die Interpretation von Prof. Dr. Dr. Dr.h.c. Lehmann.....
Sie sind der Meinung, dass die Fachlehrer des Gymnasiums begabte Kinder besser fördern könnten, als Grundschullehrer, welche in der Regel alle Fächer unterrichten (oft ohne spezielles Fachstudium in ihrer Lehrerausbildung)

Die Anhänger eines Gesamtschulsystems sehen durch die Studie ihre Position gestärkt und wie man nachlesen kann, soll nun allmählich ein Gesamtschulsystem in Berlin eingeführt werden.

Was hat diese Studie inhaltlich geklärt und welche Fragen sind offen geblieben?
Eigentlich hat diese Studie nur bestätigt, dass Gesamtschüler in gleichem Maße gefördert wurden wie die "begabten" Gymnasialschüler. Nicht mehr und nicht weniger.

Offen bleibt die Frage, ob die "begabten" Gymnasialschüler in einer Gesamtschule dieselbe Förderung erfahren hätten, wie im Gymnasium. Diesen Punkt hat die Studie nämlich gar nicht untersucht. Und so hat diese Studie nur eines gebracht:
Eine vermeintliche Bestätigung dafür, dass die Gesamtschulidee Schülern weder schadet noch nützt...
Das entspricht auch den Ergebnissen aus der Studie von Prof. Dr. Fend: Studie von Prof. Dr. Fend belegt, dass der Schulerfolg von der Schulform unabhängig ist

In der Psychologie würde man das Ergebnis dieser Studie als Selffullfilling-Prophecy bezeichnen.....

Diese Angelegenheit ist ein Paradebeispiel dafür, wie Studien "benutzt" werden und Ergebnisse so interpretiert werden, wie sie "politisch" gerade in den Kram passen.

Die eigentlichen Probleme stecken vielmehr im Detail und werden durch eine solche Studie nicht erfasst.
Gleichzeitig zeigt dieser Fall, wie "anfällig" Interpretationen wissenschaftlicher Studien sind, wenn es um übergeordnete, staatliche und politische
Interessensverfolgungen geht.
Weitere Beispiele aus den USA hat kürzlich Lars Fischer in seinem Blog "Abgefischt" bei Wissenslogs.de beschrieben: Wie gut wir's doch haben.

Gleich
Link:
Schulleistungsuntersuchungen