Samstag, 26. April 2008

Element-Studie wird zum Politikum - Wie eine Studie Sachverhalte "belegt", welche sie nicht untersucht hat...

Bildquelle Pixelio: (c) Rainer Sturm
Was ist passiert? Herr Prof. Dr.Dr.Dr.h.c. Rainer Lehmann hat der "Zeit" ein Interview zu seiner Element-Studie gegeben. In dieser Studie werden die Schulleistungen zwischen "Grundschülern" und Gymnasiasten der 5. und 6. Klasse verglichen. Gemessen wurde mit den Tests der PISA-Studien in den Fächern Deutsch und Mathematik.

Die unterschiedlichen Interpretationen der Studie haben eine heftige Debatte ausgelöst:

Angefangen hat die Debatte mit der Darstellung des Studienautors Prof. Dr.Dr.Dr.h.c. Rainer Lehmann (Kurzbiographie)
DIE ZEIT 17/2008: Gemeinsam lernen Headlines:
Zwei Jahre hinterher
Die sechsjährige Grundschule in Berlin schneidet in einer neuen Studie enttäuschend ab. Ein Gespräch über die Ursachen mit dem Bildungsforscher Rainer Lehmann
Kurz darauf wurde der von Gegnern vorgeworfene "Interpretationsfehler" in einem neuen Beitrag in der " Zeit" geschildert, nachdem Prof. Dr. Olaf Köhler (Fachrichtung Psychologie und in der empirischen Bildungsforschung tätig) die Studie gelesen hat. Die "Zeit" berichtet in "Unglücksfall und Chance" darüber: (Zitat)
Aber der von Olaf Köller und anderen beklagte Unglücksfall könnte auch zu etwas gut sein. Die Öffentlichkeit und die Zunft müssen endlich kapieren, dass solche Studien, wie Jürgen Baumert, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und Doyen der empirischen Bildungsforschung immer wieder betont, nicht einfach etwas beweisen, sondern die Daten für begründete Interpretationen liefern. (Zitat Ende)
Weitere Internetquellen zum Thema:
Artikel, welche die Interpretation von Prof. Lehmann nicht teilen

Stellungnahme von Thomas Kerstan, Martin Spiewak und Jan-Martin Wiarda in DIE ZEIT, 24.04.2008 Nr. 18 Verwirrende Befunde - Aufregung um die Untersuchung zur sechsjährigen Grundschule in Berlin: Hat der Autor der Studie seine eigenen Daten falsch interpretiert?

Artikel, welche die Interpretation von Prof. Lehmann teilen:
Der deutsche Philologenverband und "Die Welt", schließt sich der Interpretation von Prof. Dr.Dr.Dr.H.c. Rainer Lehmann an:

Soviel zum augenblicklichen Stand der Diskussion in den Medien.......


Die Instrumentalisierung der Studie - Hintergründe
Zunächst zeigt sich an den Medienberichten, wie eine solche Studie "instrumentalisiert" wird bzw. werden kann. Kaum jemand scheint sich die Mühe zu machen, die Studie selbst zu lesen. Und kaum jemand scheint sich darum zu kümmern, wie die Studie aufgebaut war, um daraus eigene Schlüsse ziehen zu können. Und so dient eine Studie, je nachdem aus welcher bildungspolitischen Richtung die Anhänger stammen, völlig gegensätzlichen Interpretationen. ....

Was hat die Studie gemessen?
Die kleinere Schülergruppe, welche gemessen wurde, war ab der 5. Klasse in Berliner Gymnasien gewechselt. Es versteht sich von selbst, dass diese Schüler eine entsprechende Eignung (Schulleistungen / Intelligenz) besitzen mussten, um überhaupt das Gymnasium besuchen zu können.

Die größere Schülergruppe, welche gemessen wurde, waren Schüler (bis auf jene, welche vorzeitig ins Gymnasium gewechselt waren), welche auch im 5. und 6. Schuljahr in der Grundschule verblieben waren.

Die Korrelationsstudie hat die Leistungen im Bereich Leseverständnis und Mathematik der beiden Schülergruppen jeweils nach dem 5. und 6. Schuljahr miteinander verglichen.

Normalerweise würde man also erwarten, dass jene Schüler, welche für den Besuch des Gymnasiums "ausgelesen" worden waren, in einer solchen Studie deutlich besser abschneiden müssten, als jene Schülergruppen, welche sich aus den ganz schlechten, den normal begabten Schülern und besser begabten Schülern zusammen setzt.

Richtig gedacht, denn so war es auch. Beide Gruppen haben sich im "Verhältnis" gleich gut weiter entwickelt. Natürlich haben die Grundschulklassen im Schnitt durchgehend schlechter abgeschnitten. Allerdings waren die Lernfortschritte in beiden Gruppen gleich.

Und nun kommt die ideologisch gefärbte Bildungspolitik ins Spiel:

Der Philologenverband sieht die Existenzberechtigung der Gymnasien gefährdet. Deshalb favorisieren sie die Interpretation von Prof. Dr. Dr. Dr.h.c. Lehmann.....
Sie sind der Meinung, dass die Fachlehrer des Gymnasiums begabte Kinder besser fördern könnten, als Grundschullehrer, welche in der Regel alle Fächer unterrichten (oft ohne spezielles Fachstudium in ihrer Lehrerausbildung)

Die Anhänger eines Gesamtschulsystems sehen durch die Studie ihre Position gestärkt und wie man nachlesen kann, soll nun allmählich ein Gesamtschulsystem in Berlin eingeführt werden.

Was hat diese Studie inhaltlich geklärt und welche Fragen sind offen geblieben?
Eigentlich hat diese Studie nur bestätigt, dass Gesamtschüler in gleichem Maße gefördert wurden wie die "begabten" Gymnasialschüler. Nicht mehr und nicht weniger.

Offen bleibt die Frage, ob die "begabten" Gymnasialschüler in einer Gesamtschule dieselbe Förderung erfahren hätten, wie im Gymnasium. Diesen Punkt hat die Studie nämlich gar nicht untersucht. Und so hat diese Studie nur eines gebracht:
Eine vermeintliche Bestätigung dafür, dass die Gesamtschulidee Schülern weder schadet noch nützt...
Das entspricht auch den Ergebnissen aus der Studie von Prof. Dr. Fend: Studie von Prof. Dr. Fend belegt, dass der Schulerfolg von der Schulform unabhängig ist

In der Psychologie würde man das Ergebnis dieser Studie als Selffullfilling-Prophecy bezeichnen.....

Diese Angelegenheit ist ein Paradebeispiel dafür, wie Studien "benutzt" werden und Ergebnisse so interpretiert werden, wie sie "politisch" gerade in den Kram passen.

Die eigentlichen Probleme stecken vielmehr im Detail und werden durch eine solche Studie nicht erfasst.
Gleichzeitig zeigt dieser Fall, wie "anfällig" Interpretationen wissenschaftlicher Studien sind, wenn es um übergeordnete, staatliche und politische
Interessensverfolgungen geht.
Weitere Beispiele aus den USA hat kürzlich Lars Fischer in seinem Blog "Abgefischt" bei Wissenslogs.de beschrieben: Wie gut wir's doch haben.

Gleich
Link:
Schulleistungsuntersuchungen

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Moin!
Vielen Dank für die Zusatzinfo! Ich war doch etwas erschreckt, als ich den Beitrag im Radio hörte. Gruß,
wolfgang teschner, Hannover

Monika Armand hat gesagt…

Ich danke auch - für die nette Rückmeldung ;-)
Beste Grüße
M.A.